Von Ingenbleek und Krampe diskutiert, warum bestehende Tierwohl-Labels aus Verbrauchersicht häufig hinter den Erwartungen zurückbleiben und welche Rolle Precision Livestock Farming (PLF) als künftige Lösung spielen kann.
Was erfüllen bestehende Labels nicht?
1. Vertrauensproblem
Verbraucher*innen zweifeln oft an der Glaubwürdigkeit der Labels. Tierwohl ist ein sogenanntes Credence-Attribut (man kann es weder vor dem Kauf noch beim Verzehr überprüfen), weshalb das Vertrauen in die Versprechen sehr wichtig ist – oft aber unzureichend gegeben.
2. Zu viele Labelvarianten
Die Vielfalt und Anzahl an verschiedenen Labels kann Konsument*innen verwirren, anstatt mehr Klarheit zu schaffen. Dadurch droht ein „Label-Dschungel“.
3. Unklare oder komplexe Kriterien
Wer sich intensiver informiert, stößt auf komplizierte Anforderungen und undurchsichtige Kontrollen. Das führt zu Unsicherheit und Label-Müdigkeit.
4. Preissensibilität
Obwohl viele Menschen Tierwohl befürworten, zeigt sich im Supermarkt oft ein anderes Kaufverhalten: Günstige Angebote ohne Label können gegen teurere, tierfreundliche Produkte „gewinnen“.
5. Persönliche Erwartungen vs. Standards
Ein einziges Label kann nicht alle individuellen Vorstellungen von artgerechter Haltung abdecken. Verbraucher*innen zweifeln daher oft, ob das Siegel wirklich ihren eigenen Ansprüchen entspricht.
6. Wenig Innovationsdynamik
Obwohl es verschiedene Labelstufen gibt (z. B. Sterne-Systeme), herrscht in den Augen vieler Verbraucher*innen zu wenig Neuerung – sowohl in der konkreten Tierhaltung als auch in der Kommunikation.
Was soll ein zukünftiges (PLF-basiertes) Label leisten?
1. Echtzeittransparenz
Daten zur Gesundheitsüberwachung, Stallklima oder Auslauf werden in Echtzeit erfasst. Damit können Landwirtinnen, Kontrollen und perspektivisch sogar Verbraucherinnen online nachvollziehen, welche Tierwohlkriterien tatsächlich eingehalten werden.
2. Vertrauenssteigerung
Da Messwerte digital und laufend erhoben werden, sinkt das Risiko von Labelbetrug (nicht erfüllte Standards). Bei Bedarf können unabhängige Organisationen sowie die Öffentlichkeit Einblick nehmen und so Kontrollen erleichtern.
3. Verringerung der Verwirrung
Anstelle vieler statischer Labels könnte ein System treten, das (online oder per App) grün oder rot anzeigt und gleichzeitig bestehende Labels transparent einordnet. Die bislang unübersichtliche Vielfalt an Siegeln würde dadurch besser verständlich.
4. Innovation in der ganzen Kette
Auch Landwirtinnen und Lieferantinnen profitieren, wenn sie genauer wissen, welche Tierwohlkriterien in ihrer Branche derzeit umgesetzt werden und was Kund*innen wünschen. Das verringert Investitionsrisiken und fördert neue Vermarktungsmodelle mit höheren Standards.
5. Digitales Maximalmodell
Ein solches Modell könnte Daten für Konsument*innen zugänglich machen und ihnen ermöglichen, personalisierte Tierwohlkriterien zu wählen. Anschließend könnten sie genau jene Produkte erkennen, die diese Präferenzen erfüllen.
Anmerkungen der Tierwohl-Liebwirt zu diesem Artikel
1. Wir können diese Forschungsarbeit vollends unterstützen und arbeiten daran, eine digitale Datenbasis mit „Maximalkriterien“ möglich zu machen. Wir erfüllen bereits das geforderte System zur Datenerfassung.
2. Wir ermöglichen auch die Meta-Label-Funktion, um sämtliche anderen Labels miteinander zu vergleichen, was Verwirrung reduziert und Übergänge erleichtert. Gleichzeitig fördern wir durch Anreize schon jetzt Innovationen in der landwirtschaftlichen Kette.
3. Den Vorschlag der Autoren, dass Konsument*innen individuelle Tierwohlpräferenzen eingeben können, empfinden wir als äußerst spannend. Allerdings sehen wir hohe Kosten für dessen Entwicklung, wenn keine staatliche Förderung erfolgt – insbesondere wegen der aufwendigen Datenschutzanforderungen.
4. Aber mit der individuellen Tierwohlpräferenz sprechen die Autoren ein wichtiges Thema an, nämlich die internationale individuelle Tierwohlpräferenz einzelner Länder:
• Deutschland (Ingenieurgeist): Fokus auf Stallbau und technische Lösungen
• Irland (grüne Wiesen): Wie lange sind Tiere – z. B. Kühe – draußen auf Gras?
• USA (Freedom-Kultur): „Free Range“ – möglichst keine Eingrenzung der Tiere
• Südeuropa (z. B. Italien, Spanien): Genussqualität mit traditionellen, langsam wachsenden Tierrassen
Wir halten es für vorrangig, internationale Tierwohlpräferenzen zuerst messbar zu machen, wenn dies auf die Konsumentenebene heruntergebrochen wird. Ohne internationale Einigkeit oder ein international anerkanntes, messbares System von Tierwohl wird es immer nur ein Flickenteppich an Lösungen geben. Die Tierwohl-Lupe hat dafür eine Lösung entwickelt, welche wahrscheinlich sogar Freihandelsabkommen-konform ist und eine Kennzeichnung importierter Ware rechtlich ermöglichen kann.
